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Baby-Boomer suchen nach Orientierung und Perspektiven

Baby-Boomer suchen Orientierung

Immer wieder mit großem Vergnügen schaue ich auf der Seite „40-something“ vorbei. Was mir besonders gefällt, ist der Slogan: „Endlich alt genug“. Seit einiger Zeit denke ich häufiger darüber nach. Was sollen wir denn sagen? Wie muss eigentlich unser Slogan heißen? Wir, die Generation der Ü50, der sogenannten Baby-Boomer. „Nicht mehr lange, dann die Rente!“, oder besser „Endlich tun, was ich wirklich will!“? Viele von ihnen haben mehr als 30 Arbeitsjahre absolviert, jetzt geht es um den Endspurt. Oder doch nicht? Die Ü50 suchen nach Orientierung und Perspektiven. Was nicht immer so einfach ist.

Bei einigen sieht es aktuell so aus: „Seit ein paar Jahren nur noch Nervkram bei der Arbeit, ohne jegliche Vernunft und Strategie“, sagt Sabine, 55, (alle Namen aus Diskretionsgründen geändert), Head of Social Media einer Verlagsgruppe. Sie hat lange mit sich gerungen, jetzt einen Aufhebungs-Vertrag unterschrieben. Das Ziel: neue Herausforderungen, vielleicht die Selbständigkeit mit Projekten oder Schulungen. Oder: „Neue Strukturen, die von jüngeren Managern ohne jegliche Rücksprache und ohne erkennbaren Sinn eingeführt wurden“, erzählt Karin, 57, Projektleiterin eines mittelständischen Unternehmens. Sie hat ebenfalls gekündigt, bereitet gerade ihre Selbstständigkeit vor.

Manchmal sieht es auch so aus: „Einfach absitzen“, sagt Thomas, 53, seit vielen Jahrzehnten als Facharbeiter in einem Versorgungsunternehmen. Schwache Geschäftsführer und Meister haben die konstruktive Arbeit und die Kultur in dem verantwortungsvollen Bereich seit Jahren zerstört. “Gestern habe ich überraschend Post bekommen”, erzählt Albert. Die fristgerechte Kündigung. Er ist 58, fährt seit fast 20 Jahren für die gleiche Firma Ferntransporte. Ein Jahr darf er für sie noch fahren, dann ist für ihn dort Schluss. Ihn werden mehrere osteuropäische Fahrer ersetzen, wesentlich günstiger.

„Muss ich in meinem Alter noch bei Twitter sein?“, sagt Andreas, 56, Redaktionsleiter einer Lokalredaktion. Oder: „Wegen der Hausfinanzierung muss ich noch bis 64“, sagt Frank, 60. “Sonst würde ich morgen aufhören.” „Ich hab‘ mich dann dafür entschieden“, sagt Sabine, 50, die nach jahrzehntelanger Arbeit als Directrice der Pleite des Konzerns nicht entgehen konnte. Sabine meint „Social Media“ und „Online-Marketing“, hat dafür Kurse belegt, starrt nun seit Monaten auf Twitter, wo sie nur Marken folgt, kaum Menschen. Sie hat eine Schreib-Blockade, und viel, viel Angst.

Sich orientieren, Perspektiven bauen, heißt also im besten Fall die Devise der über 50-Jährigen. Aus eigener Entscheidung, zuweilen aus der Not. Was nicht mehr so einfach ist. Oder noch nicht einfach genug. Oder ausharren. Aber ist das eine Perspektive? Noch immer hadern viele ob der Digitalisierung; einige wenige  dieser Generation haben sie durchdrungen. Andere verweigern sie konsequent, das Motto: „Das tue ich mir nicht mehr an“. Smartphones haben sie dennoch mittlerweile alle. Und WhatsApp. Die digitale Kluft, so sehen es einige Fachleute, wird immer größer.

Wohin geht der Weg der Baby-Boomer?

Orientierung heißt zunächst einmal Suche, vielleicht auch Entdecken. Dazu gehören etwa Mut und Selbstvertrauen. Perspektiven sind dann entweder nur noch der Ruhestand – bei weniger Mut-  (Und dann?), oder „Neuland“ in jeder Beziehung. Im besten Fall tummelt sich diese Generation auch kreativ im Netz, etwa hier. Darunter viele Selbstständige, Einzelkämpferinnen, einige von ihnen durchaus erfolgreich. Ab dem Alter von 50 Jahren wird schon mal ein erster Blick auf das Rentenkonto geworfen. Wird es reichen?

Den Baby-Boomern geht es meistens gut. „Eigentlich können wir heute alles machen“, sinnierte ich jüngst im Gespräch mit einer Freundin beim lauen nächtlichen Sommerregen.  Es ist gesellschaftlich gleichgültig in unserer Generation, ob wir verheiratet, Single oder liiert sind. Wir können im besten Fall den sonderbarsten Hobbies nachgehen. Die Dress-Codes sind in vielen Unternehmen abgeschafft. Wir können, spätestens in der Freizeit, anziehen, was wir wollen. Wir können reisen, mit guter Ausstattung kochen, in den eigenen vier Wänden tun und lassen, was wir wollen. Oft sind die Kinder seit einigen Jahren aus dem Haus, fallen nur noch in unregelmäßigen Abständen in das in vielen Fällen  bereits abbezahlte Haus oder die Eigentumswohnung, um etwa den Kühlschrank zu plündern. Man fährt ein neu gekauftes Auto oder einen Mittelklasse-Jahreswagen. Man liebäugelt mit dem ersten E-Bike, um dem Schweinehund, der seit Jahren auf dem nicht gerade günstigen Mountain-Bike sitzt, endgültig die Zunge rauszustrecken.

Es gibt in dieser Generation viele Paare, die seit Jahrzehnten gemeinsam leben. Manchmal glücklich, manchmal nicht. Und es gibt jene, die die Ehe oder Beziehung nach etwa 20 Jahren beendet haben. Sie suchen dann eine neue Beziehung, wagen sich dafür auf Tinder oder andere Portale. Selten glücklich, weil die digitale Kommunikation nur wenig verstanden wird und schwer fällt, weil die Erwartungen zu hoch sind; weil man eigentlich noch so agieren möchte wie einst vor 30 Jahren. Die Zeiten sind aber vorbei. Was wir erkennen: Die Zeiten der romantischen Beziehung sind eigentlich auch vorbei. Können wir Zweckbündnisse, im schönsten Fall auch mit viel Zuneigung, obgleich wir ganz anders sozialisiert wurden?

Die Wirklichkeit ist manchmal einfach, etwas kopfschüttelnd. Es scheitert in dieser Generation als Single schon daran, sich im realen Leben treffen zu können. „Als Frau allein in die Kneipe, niemals“, sagt die noch nicht ganz 50-jährige Freundin. Soweit sind wir leider noch nicht. Und obgleich wir als Baby-Boomer aktuell eine große Mehrheit etwa in Deutschland sind, sind einige lästige Konventionen noch nicht dahin. In die Clubs wollen wir nicht, zum wöchentlichen Treff im Seniorenheim auch noch nicht. Ja, wohin denn dann? Vor einigen Tagen war ich zum ersten Mal in einer Ü50-Disco. Nett. Ein Anfang. Da war sie, meine Generation, tanzend zu den Songs, die vor 30 oder 40 Jahren gespielt wurden. Bisher habe ich solche Veranstaltungen selten gesehen. Die Baby-Boomer suchen nicht nur nach Perspektiven, sondern auch nach Räumen, wo sich ihre Generation trifft. Das wird in Zukunft verstärkt ein Thema sein, wenn es mehr und mehr Alleinstehende dieser Generation geben wird.

Baby-Boomer stellen sich Fragen zur Zukunft.

Das Bauen an Perspektiven für diese sehr aktive Generation der Baby-Boomer ist aktuell gar nicht so einfach. Nicht erst seit der Zusammenarbeit mit der Demographie-Expertin Rosemarie Konirsch weiß ich um diese demografische Entwicklung, von der man etwa sagt, dass sie insbesondere den erfahrenen älteren Mitarbeitern neue Chancen bieten wird. Das mag in seltenen Fällen schon so sein. In der Gesellschaft ist es nach meinem Empfinden noch nicht angekommen. Andere erfahren dies ebenso. In dieser Generation steckt sehr viel Wissen, Erfahrung, Zielstrebigkeit und Fleiß. Obgleich: Dadurch sind sie auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade billig. Und damit sind sie schon mal nicht der Freund der Controller. Noch immer optimieren Unternehmen besonders die ältere Generation aus den Betrieben, um die Zahlen zu verbessern. Der Begriff ist weit. Je nach Branche und Unternehmen lauert die Gefahr ab dem Lebensalter von 45 Jahren. Offenkundig ist die Not der Unternehmen noch nicht groß genug, um weiterhin auf die bewährten Kräfte zu setzen. Das mag in wenigen Jahren schon anders sein, aber dann haben sich die “Baby-Boomer” vielleicht schon entschieden. Für die Selbstständigkeit, oder das Hobby.

Was also steht dieser Generation der Über-50-Jährigen noch bevor? Mit einer Lebenserwartung von durchschnittlich noch mindestens 25 Jahren, in vielen Fällen noch mehr. Mir fällt dazu immer wieder der Begriff „Sinnstiftung“ ein. Was tun mit Sinn? Weiterhin bezahlte Arbeit, weil irgendwann tatsächlich die Nachfrage so immens werden wird?  Ein Projekt vor der Tür oder in der Stadt, weil etwa Hilfsorganisationen oder Vereine händeringend nach Hilfskräften suchen? Ein Hobby, dass man jahrelang wegen der vielen, vielen Überstunden nicht auf die Kette bekommen hat? Am Ende muss das jeder für sich entscheiden.

Gleichsam muss diese Generation der Baby-Boomer auch reflektierend und sehr kritisch auf die Zukunft blicken. Etwa, was Forderungen an die Politik angeht. Von Krankenkasse und Pflegeversicherung angefangen (in vielen Fällen ist diese Generation längst nicht mehr immer nur gesund), bis hin zu den Themen „Mobilität im Alter“, „Wohnen im Alter“, um etwa einige der wichtigsten zu nennen.

Damit ist die Frage nach dem Slogan der Ü50-Generation noch nicht abgeschlossen, wird sie vielleicht auch nie. Fest steht nur, dass da noch einige turbulente Jahre kommen, die dieser Generation einiges abfordern wird.

cdv!

Credits: Danke an Maria und Silke fürs Lesen und kritische Anmerkungen.

Aktualisierung: Link zu einem EditionF-Beitrag eingefügt.

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2 Comments

  1. Meike

    17. August 2017 - 06:41

    Hallo Christian, toll dass du dich dieses wichtigen Themas annimmst! Fest steht: Wir gehören doch noch nicht zum alten Eisen! 50 ist das neue 40 oder so! ;) Unsere Generation sollte aber jetzt trotzdem ganz viel dafür tun, dass sie und zukünftige Generationen in Würde älter werden können – denn da sieht es bis jetzt ziemlich mau aus. Weiter als bis 2030 will kaum ein Politiker schauen. Doch das ist genau die Zeit, in der ich und viele andere ihre Arbeit runterfahren. Persönlich habe ich ich in meiner Selbstständigkeit jetzt beispielsweise mehr Freiraum für das Ehrenamt (Mitarbeit bei den Grünen im Ortsverband). Ich erlebe es außerdem hin und wieder, dass manche Kunden sich fragen, ob sie zum Thema Social Media nicht lieber den Hornbebrillten 25jähren aus Berlin als Berater brauchen. ;) Bis jetzt konnte ich aber immer mit meiner Erfahrung überzeugen und punkten.

  2. Maria Al-Mana

    17. August 2017 - 11:18

    Hallo Christian,

    ich freue mich sehr, dass du mich eingeladen hast, gemeinsam weiter über das unendlich vielfältige – und durchaus spannende -Thema Babyboomer und Co. nachzudenken… Denn ich finde es sehr wichtig, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin Jahrgang 1960 und sehe mit Grausen, wie ich mich einer (medialen) Öffentlichkeit nähere, in der nur noch „über“ uns geschrieben wird…. voller Klischees und Unwahrheiten. Weit verbreitete Vorbehalte sagen: Die wissen doch gar nicht, wie man mit SocialMedia und Co. umgeht! Ich freue mich sehr darauf, dem gemeinsam was entgegen zu setzen.

    Und dass ich deinen Beitrag gut finde, hab ich dir schon gesagt… Was ich nicht gesagt habe: Ich glaube, dass grade Blogs der richtige Ort dafür sind. Denn die besten Beiträge zum Thema sind in der Ich-Form geschrieben. Wir brauchen Differenzierung, Fragen, ab und zu auch Subjektivität, um dem vielschichtigen Thema gerecht zu werden. Darum mag ich deinen Text.

    Herzlichen Gruß
    Maria