Allgemein Alltags-Notizen

Die andere Stadt

2. Dezember 2020

Margarete Stokowski hat in dieser Kolumne treffend formuliert, wie es um die Städte steht. Begegnung geht nur, wer auch konsumiert. Vieles, was sie beschreibt, kann ich nur bestätigen. Ich möchte hier die vorsauerländische Variante einer Stadt mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Also, eher kleine und mittlere Städte. Die gibt es in Deutschland überall. Margarete lebt in und um Berlin, das ist kein Vergleich.

Wer heute durch die mittelgroßen Städte geht, erlebt eine neue Kette, die es vorher nicht gab. Sie heißt „Zu vermieten“, und zeichnet sich durch zumeist schmutzige Scheiben und vielleicht noch einiges Restgerümpel in den Räumen aus. Der besondere Clou: Man kann nichts kaufen, es gibt keinen Eintritt. Und, damit das klar ist, das ist keine Kunst.

Es ist das Ergebnis eines komplett veränderten Kaufverhaltens. Nicht zuletzt durch die Fehler vieler Bürgermeisterinnen und Stadträte; es fehlte etwas an Weitsicht. Gut, zugegeben, die Geschwindigkeiten ändern sich auch. Dennoch haben besonders die Städte und ihre Räte ihren Beitrag geleistet, die Innenstädte immer unattraktiver zu machen.

Die Fehler der Städte

Fehler Nummer 1: Auf Druck großer Immobilienkonzerne und der Textil- oder Einzelhandelsbranche hat man den Einkauf in die Vorstädte verlegt, von den kleinen „Malls“ und oft abstrusen City-Centern in den Innenstädten mal abgesehen. Dort geschieht nun zumeist per Auto der Wocheneinkauf, andere Dinge können in Reichweite auch erledigt werden.

Fehler Nummer 2: Dieses Internetz und seine Folgen hat man nicht abgesehen. Ok, das gibt es in dieser Form noch nicht lange, aber seit etwa zehn Jahren und ganz besonders in außerordentlichen Pandemiezeiten wird zunehmend gern online geshoppt. Das ließ sich nun wahrlich nicht gut voraus sehen. Bedeutet aber auch etwas ganz deutlich: Es wird einer ganzen Reihe von kleineren Anbietern in Innenstädten den Garaus bereiten. Denn klar ist auch: Die Immobilienbranche denkt viel, viel langfristiger. Das ist die Krux. Deutlicher: Die nahezu üblichen Leerstände.

Kleiner Einwurf: Wer als Einzelhändler zwischen den Jahren 2010 und 2020 das Wort Service und Beratungsqualität nicht verstanden hat, hat seinen eigenen Teil dazu beigetragen, dass das Geschäft und der Handel in der Innenstadt nicht funktioniert. Oder auch: Wer auf die Frage „Warum ist diese Waschmaschine für 1800 Euro besser als die für 800 Euro?“ mit „Das ist halt so.“ antwortet, muss sich nicht wundern, wenn die Kunden mit einem zuvor „gesuchmaschinten“ Wissen andere Wege gehen. Die andere und bessere Antwort: „Nehmen sie einfach diese drei Paare Schuhe mit nach Hause, und entscheiden sie dann.“ Dieses Schuhgeschäft gibt es noch heute.

Vermutlich: Nutzloser Geldregen in NRW

Als vor wenigen Wochen ein kleiner Geldregen über die Städte in Nordrhein-Westfalen regnete, musste ich schmunzeln und grimmen. Den Städten wird etwas Geld zugesteckt, damit sie diesem massiven Trend entgegen wirken können. Kurzum: Es ist rausgeworfenes Geld. Was wir künftig insbesondere im Vorsauerland und in anderen weitläufigeren Regionen finden werden: Der Schützenverein präsentiert seine Kostüme und historischen Gewehre dort,  der Sportverein wird eine Bildergalerie der Wettkämpfe seit 1980 präsentieren, das AWO-Kränzchen wird seine Strickwaren ausstellen, das DRK zeigt Puppen zur Wiederbelebung, die Feuerwehr die alte Spritze, mit der man einst löschte. Ach, ja, der Gesangverein wird dort einmal im Monat öffentlich proben. Die Presseinformation zum kleinen Geldregen ist reichlich Geblubber, aber kein mutiges Vorangehen.

Es sind, ganz ehrlich, keine Gründe, sich ein oder zwei Stunden in der Innenstadt aufzuhalten. Zugegeben, etwas einfältig und böse formuliert. Denn es mag durchaus auch gute Ideen geben, dazu später. Denn Menschen suchen die Begegnung dort, wo sie etwas sehen und erleben können, wo sie sich wohlfühlen und entspannen, wo sie andere Menschen treffen können. Und, ja, da liegt Margarete völlig recht: Das muss mit dem Konsum von Waren nicht zusammen hängen.

Etwas gepennt haben in den meisten Fällen neben den Stadträten die Stadtmarketing-Manager, die immer nur danach gepeilt haben, die ein oder andere Geschäftsfläche am Ende nur noch mit etwas Leben zu erfüllen, damit die Innenstadt nicht ganz so trostlos aussieht. Was ihnen allen fehlt, ist der visionäre Weitblick, mit dem Auge auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Das Internet, die Generationen, die Immobilien, deren Besitzer, die Erwartungen. Der 1Euro-Shop kann all dies nicht lösen, am Ende wird es ein SPD-Parteibüro, das auch nicht wirklich lebt. Keine Lösung.

Die Veränderung der Stadt wird weiter gehen

Es ist zudem nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die leider langweiligen und üblichen Ketten aus der städtischen Präsenz verabschieden. Wenn Mode-Labels demnächst nur noch eine Minifläche anbieten, in der man sich virtuell einkleiden kann, wird anschließend bestellt, und im besten Fall noch am gleichen Tag geliefert. Wer glaubt, dass das nicht möglich ist, kann sich gern noch an die Präsentation des ersten Smarkphones erinnern. Damals wurde mir signalisiert: „Das braucht kein Mensch!“ Tja.

Die meisten Innenstadt-Immobilien mit sogenannten Ladengeschäften leiden tatsächlich an Besitztum und Wohlstand. Die meisten privaten Immobilienbesitzerinnen sind versorgt. Die Immobilie ist seit vielen Jahrzehnten abgezahlt. Sie wirft im besten Fall, je nach Mieterlage, noch etwas Geld ab. Sollte der Ladenmieter pleite sein oder nicht mehr verlängern wollen, schreckt die Investition. Mehr Toiletten für die Mitarbeiter, andere Zuschnitte, höhere Erwartungen. Warum? Man ist etwa 80 Jahre alt, versorgt, wohnt in der Innenstadt. Wird schon gehen, bis ich gehe. Oder es sind schon die Erben. Die wohnen alle nicht mehr in der Kleinstadt. Kümmern? Ist Aufwand. Also Leerstand. Die Immobilienlage ist für eine Stadt entscheidend. Sie wird aber in den meisten Fällen privat entschieden.

Was ist in der Stadt zu tun?

Denken hilft, mutiges Denken noch mehr. Es braucht Vorstellungen davon, wie eine Stadt in fünf oder zehn Jahren aussehen kann. Um eine Innenstadt lebendiger zu machen, muss sie künftig unabhängig vom Konsum sein. Der Aufenthalt dort muss Spaß machen.

Daher einige Vorschläge für jede Stadt:

  • Autos raus aus den Innenstädten – Innenstadtnahe Parkflächen anbieten, damit kurze Wege entstehen.
  • Viel mehr Grün in die Stadt. Das Grün macht die oft überhitzten Innenstädte angenehmer.
  • Bessere Spielflächen für Kinder anbieten, dabei an die Bedürfnisse von Familien denken.
  • Ladengeschäfte anders nutzen: Gute Co-Working-Spaces anbieten, die mobiles Arbeiten ermöglichen. Regionalen Initiativen und Anbietern diese Flächen zur Verfügung stellen, gern auch mit lokalem Verkauf. Mehr und bessere Gastronomie ermöglichen. Kunsträume schaffen, die Entdeckungen möglich machen.
  • Besseres Stadtmobiliar mit mehr Fahrradabstellflächen, Sitzmöbeln, Abstellplätze für Rollatoren und Rollstühle.
  • Veranstaltungsflächen für Bands, Kabarett, Kleinkunst oder Tanzformationen anbieten.

Ab hier dürft ihr selbst mitdenken und Vorschläge machen…

Wer übrigens etwas Hilfe benötigt beim mutigen Denken, kann sich gern bei mir melden. Ich bin, offen gesagt, käuflich und buchbar.

cdv!

Wie man anders planen kann, hier geht es allerdings um Straßen, zeigt dieses schöne Beispiel.

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