Allgemein Begegnungen Veranstaltungen

Die Veränderung gelingt (noch) nicht

6. Mai 2016

Unwegsames Gelände

Zurückrudern und am liebsten dem Sascha Lobo verständnisvoll über den Iro streicheln. Das ist die aktuelle Gemütslage, zwei Tage nach dem Ende der re:publica. Gleichzeitig: Was nun ändern? Wo anfangen? Was muss zuerst? Anders als in den letzten Jahren brauche ich diesmal mehr Zeit. Die Aktualität hat übrigens verhindert, dass ich mein Vorhaben in diesem Jahr in die Tat umsetzen konnte. Und: Die Eindrücke müssen noch verarbeitet werden. Die Erwartung an mich selbst bleibt bestehen: Was nun anders machen als vorher?

Das fällt nicht so leicht, während ich mich durch die ersten nölenden Rückblicke zur #rpTEN arbeite. Natürlich gibt es kluge Beiträge, die sich dem Format und der Umsetzung der Konferenz widmen. Das muss auch sein. Schließlich wissen ja auch etwa 80 Millionen Menschen jedes Mal auf der Trainer-Couch, wie die Nationalmannschaft besser spielen sollte.

Sollte man jetzt noch Mitleid für die rpTEN-Organisatoren und -Macher fühlen? Die kluge Gestaltung für die Veranstaltung der vielen Spiegel haben die wenigsten verstanden. Sich selbst in der Veranstaltung sehen? Sich reflektieren? Sich selbst in Frage stellen? Und dann noch etwas ändern?

Warum zurückrudern? Weil ich zunächst enttäuscht von Lobos Vortrag war; vermutlich meiner Entkräftung nach dem ersten Tag geschuldet. Jetzt, nachgesehen, bin ich wieder bei ihm. Wie bei Gunter Dueck. Und ahne, dass das, was etwa die beiden dort in der Station vorgetragen haben, gar nicht wirklich beim Publikum angekommen ist. Zwei wichtige Spiegel: Lobo noch immer kämpferisch, Dueck weiterhin mit feinster Ironie. Beißend, zuweilen.

Sehr ehrlich und bewegend hat mich Kübra Gümüsay mit ihrem Vortrag über „OrganisierteLiebe“ heftig ins Herz getroffen; es sind, und nicht nur, weil ich wahrsten Sinne seiner Bedeutung gerade eine sehr dünne Haut habe, einige Tränen geflossen.

Allein, wer ändert nun das, was die drei dort formuliert haben?

Es ist die Veränderung, die noch immer nicht gelingt.

Sind wir noch immer in der digitalen Pubertät, wie es Friedemann Karig erneut sehr klug aufgedröselt hat? Vermutlich, neun Jahre nach der Präsentation von Telefonen, die nicht mehr nur telefonieren können. Der Arbeitsalltag meiner Lieblings-Bäckereifachverkäuferin hier in der Oberpfalz hat damit nichts zu tun. Immerhin: Sie kann jetzt am Abend ihren Freundinnen per WhatsApp mitteilen, wie hundekaputt sie nach ihrem Tag ist. Der Monteur an der Heizung meldet vielleicht die Werte an ein Statistik-Tool; das Ventil abschrauben muss er noch immer mit der dicken Rohrzange. Redakteure denken noch immer im 60-Zeilen-Maßstab. Am Postschalter sind wir noch immer von der Gnädigkeit des Gegenübers abhängig. Und wir benutzen noch immer die schlechteste Software des Internetzes, damit wir im Homeoffice unsere Musik auf das „innovative“ Lautsprechersystem streamen können.

Die Vorratsdatenspeicherung ist da und weitestgehend kritiklos; die schlechteste Förderung für Elektro-Autos als erneute Subvention an eine sterbende Industrie erlebt wie vieles nur eine ganz kurze Empörung; noch immer sind Veranstaltungen ohne jegliche Frauenbeteiligung auf dem Podium wirtschaftlich erfolgreich. Wir kritisieren nahezu jeden dummen Politiker-Spruch eifrig. Sie erfinden ein dummes Gesetz nach dem anderen. Und dabei bleibt es. Wie so vieles. Wie immer. Nur einige wenige Beispiele. Denn: Wer ändert das?

Was mir tatsächlich fehlt in den vielen Rückblicken: Das „An-die-eigene-Nase-fassen“, das Aufzeigen der erlebten Inspiration, den nachdenklichen Blick in einen der re:publica-Spiegel, die Erkenntnis, die Änderung. Den rpTEN-Machern ist dazu kaum ein Vorwurf zu machen: Mehr spannende Dinge kann man auf einer Konferenz kaum erleben oder wahrnehmen.

Ich nehme mich dabei selbst nicht aus. Aus dem Stand gelingt mir eine Liste von zehn Dingen oder Verhaltensweisen, die ich bestimmt sofort oder bald ändern sollte oder sogar muss. Dass ich es nicht mache liegt an mir. Das weiß ich. Und denke darüber nach, wie ich das ändern kann. In guter Erinnerung daran, als ich nach Saschas Vortrag den Dauerauftrag für netzpolitik.org einrichtete.

cdv!

Liebes #rp-Team, eins verzeihe ich euch nicht und nie: Noch so ein überflüssiges Feuerwerk am letzten Tag, und ihr seid mich für immer los. Versprochen!

 

Share

You Might Also Like

  • Dörte | @dieGoerelebt 6. Mai 2016 at 16:15

    Lieber Christian,

    ich habe mir vorgenommen, mich wieder häufiger mit einem Feedback per Kommentar für einen guten Blog Post zu bedanken, statt einfach nur zu lesen und irgendwie „gefällt mir“ oder „teilen“ zu klicken. ;-)

    Ich hab Sascha Lobo während des Vortrags müde belächelt und schäm mich jetzt schon dafür, ihn hinterher des Mittelmaßes bezichtigt zu haben. Ebenso Gunter Dueck. Er trifft mindestens zu 80 Prozent den Kern – und beide haben eines gemeinsam: Sie wollen, dass wir bei uns selbst anfangen. Jede. Jeder.

    Es tut mir persönlich gut, mir dafür in den kommenden zwölf Monaten die Zeit nehmen zu können. Für mehr Bürgerengagement. Mehr Anpacken in konkreten Projekten, die mir gar nicht gutmenschig genug sein können. :-)

    Auf bald, Christian! Die kurze Plauderei mit Dir hat mir gut getan!

    Sonnige Grüße aus Hamburg
    Dörte

    PS: Danke für die klaren Worte zum Feuerwerk. Herrje, also wirklich, liebes #rp-Team! DAS war dekadent. Oder um es mit Hagen Rether zu sagen: Warum haben wir die Erde kaputt gemacht? Weil’s so schön bunt war.

  • Links zum Wochenende 19 | Johannes Mairhofer 7. Mai 2016 at 09:51

    […] In der vergangenen Woche fand in Berlin die re:publica, das digitale Klassen, statt. Christian de Vries war dabei und blickt zurück. […]