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Friedemann Karig: Wie wir lieben

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Eine Buch-Rezension habe ich hier an dieser Stelle bisher noch nie geschrieben. Jetzt aber! Weil mich das Thema gerade selbst sehr interessiert, habe ich mich auf das Buch des hoch geschätzten Friedemann Karig sehr gefreut: Wie wir lieben – Vom Ende der Monogamie (FB-Seite zum Buch). What? Tatsächlich? Ja, ist so.

Ich spüre doch, dass sich seit einiger Zeit so viel verändert. Ich denke nach, weil mich das Thema bewegt, weil ich es verstehen möchte; was wiederum nicht einfach ist. Dazu später mehr.

Kurzum: Ein äußerst lesenswertes Buch. Friedemann hat nach seinem Beitrag über das Thema im SZ-Magazin viele Protagonisten getroffen, lange mit ihnen geredet, sie zu Wort kommen lassen; sie berichten über ihre eigenen Erfahrungen mit der Polyamorie. Lebendig und sehr kurzweilig formuliert er auch,  was andere bisher dazu gesagt haben, er hat dazu mit Fachmenschen gesprochen. Mir ist aufgefallen, dass er unglaublich viel zu dem Thema gelesen hat, selbst Ausflüge in die Literatur und in Studien zu Biochemie und natürlich in die Psyche gemacht hat. Friedemann Karig hat zu dem in der Geschichte geforscht, bis hin zu den Steinzeitmenschen, von denen wir und er nur ungefähr wissen, wie sie gelebt und geliebt haben. Das ist spannend zu lesen, dafür vielen Dank. Er hat mit guten Experten gesprochen, zitiert aus vielen anderen Werken. Gern auch mal mit professionellen Seitenhieben auf andere Autoren, die er widerlegen möchte. Das liest sich gut, zuweilen muss man unwillkürlich schmunzeln.

Es ist ein großartiges Buch, das man eigentlich als Paar (hehe!) zusammen lesen muss, diskutieren muss, am besten auch noch mit anderen, mit Freunden und Arbeitskollegen (naja…). Es beschreibt tatsächlich eine wesentliche Veränderung in der Gesellschaft, die seit wenigen Jahren stattfindet. Und wenn man ein wenig nach vorn denken kann, wird es an einigen Stellen künftig auch noch schwierig. Aber das hier nur am Rande.

Bei allem Lob, hier auch ein wenig Wasser in den Wein.  Ich habe einige wichtige Passagen, etwa die zur Eifersucht, zwei oder drei Mal gelesen, weil ich Sorge hatte, etwas überlesen zu haben. Hatte ich aber nicht. Friedemann Karig geht an vielen Stellen dem Sex sehr gründlich auf den Grund, und dennoch fehlen einige wichtige Aspekte. Etwa, die des Vertrauens in einer monogamen Beziehung, die man sich „erarbeitet“. Auf welchen Grundlagen, kann man gern diskutieren, aber es ist mir in diesem Buch zu wenig berücksichtigt. Allein das Wort taucht in diesem Kapitel nicht ein einziges Mal auf. Wie auch der Aspekt der Kommunikation in der Beziehung. Die Protagonisten machen in ihren Erzählungen schon deutlich, wie häufig (oder zu häufig) sie über das Thema reden; es fehlt ein wenig die Betrachtung und Einschätzung von außen dazu. Meine Meinung.

Für mich, aktuell 53 Jahre alt, der dazu aus einem sehr christlichen Elternhaus stammt, der dennoch oder gerade deshalb gleichzeitig seit mehr als 35 Jahren der Emanzipation das Wort redet, der eine sehr, sehr lange und einige kurze Beziehungen hinter sich hat, ist das Buch eine wichtige Inspiration, um weiter über das Thema Liebe nachzudenken.

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1 Comment

  1. Friedemann Karig

    9. März 2017 - 11:05

    Danke für die zugewandte Rezension!

    Zum Stichwort Vertrauen: Tatsächlich hatte ich einen ganzen Teil geplant unter „Vertrauen“. Den habe ich dann aber lieber eingearbeitet, weil ich davon ausging, dass jeder von uns, der schon einmal eine längere, vertrauensvolle Beziehung hat, genau weiß, was du hier auch schreibst. Wie sich das aufbaut und wie wichtig das ist. Aber klar, das hätte ich noch einmal analysieren können, um dem den angeemssenen Platz zu geben.