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Es ist ein Kulturwandel

6. April 2012

Man kann es spüren, es bewegt sich etwas in der Gesellschaft, es finden gravierende Änderungen statt. Ok, dass passiert ohnehin immer. Diese massiven Änderungen werden am Ende größer sein als einige Revolutionen in der menschlichen Geschichte; und eigentlich ist es eine, die in ungeahnter Geschwindigkeit noch viel mehr Veränderungen provozieren wird, wie sie die Menschheit so noch nicht erlebt hat. Es ist ein Kulturwandel.

Zu viel Pathos? Nö, keineswegs, aber nun rückblickend betrachtend derart sichtbar; und wer auch nur einen Schimmer an die Zukunft verschwendet, wird das schon nachvollziehen können.

Ablesen lässt sich das natürlich an der technischen Entwicklung, beschreiben lässt sich das etwa an meinen Erfahrungen (ohne jetzt die ganz heftigen Geschichten vom Krieg rauskramen zu müssen).

Meine Prüfungsarbeit für die Fachschule für Sozialpädagogik schrieb ich in mehreren Stunden mit der Hand, immerhin wurden im Schulbüro schon viele, viele Zettel hektografiert. Meine ersten Beiträge als freier Mitarbeiter für die lokale Tageszeitung tippte ich auf einer mechanischen Schreibmaschine in der Redaktion. Später dann durfte ich auch in das Redaktionssystem hinein schreiben. Unsere Bilder waren ausschließlich Schwarz-Weiß. Im Volontariat erlebte ich den Wechsel vom Blei- zum Papiersatz, wir schrieben weiterhin in Systeme, die Bildschirme waren grün und klobig.

Die Monitore wurden besser, die Systeme auch, bis schließlich Ende der 80er Jahre der erste riesige PC unter meinem privaten Schreibtisch stand, um dort die ersten E-Mails verfassen zu können und den Beginn des WWW zu erleben. Ohne je zu ahnen, wo man Jahre später stehen würde. Das ist heute noch genau so.

Vom großen grauen Klotz unter der Tischplatte bis zum schmucken Laptop hat es, wie viele auch erinnern werden, noch einige Jahre mit fallenden Speicherpreisen und zunehmender Breitband-Versorgung gedauert, um nun mit den Smart-Phones und Tablet-PC einen weiteren gravierenden Schritt in der Entwicklung zu tun. Technik, die nicht mehr allein den Technikern vorbehalten ist, sondern ausschließlich den Nutzern offen steht, die noch einfacher ist, die jetzt den Kulturwandel noch weiter beschleunigen wird. Weil sie die Vernetzung in kaum ahnbaren Dimensionen weiter voran schiebt.

Die Rückbesinnung auf die Anfänge hilft, den Wert der heutigen Technik und die Dynamik im Netz anders noch wertschätzen zu können. Denn mit dieser Technik hat sich parallel eine Kultur entwickelt, die andere gesellschaftliche Zusammenhänge ermöglicht, bis hin in die Politik. Und nun besonders dort. Jörg Blumtritt hat erst kürzlich seinen Weg durch die Parteienlandschaft und seinen Schritt zur Piratenpartei eindrucksvoll beschrieben.

Besonders gravierend in dieser Zeit der Veränderung ist der Machtverlust der traditionellen Printmedien. Das lässt sich an sinkenden Auflagen ebenso ablesen wie an den Menschen, die sich dem Netz nach anfänglicher Skepsis und wütender Gegenbrandreden nun ebenso zuwenden und es als normal betrachten. Wer einst meinte, niemals mit Chefredakteuren in Berührung kommen zu können, sollte sich einfach auf twitter mit einem Christian Lindner (Chefredakteur der Rhein-Zeitung), Wolfgang Blau (Chefredakteur Zeit-online) oder auch mit Frank Schirrmacher (Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) unterhalten. Dass letzterer eine fulminante Entwicklung hinter sich hat, macht schon Spaß zu beobachten; und lässt sichtbar werden, welche Veränderungen gerade stattfinden.

Ein ähnlich gutes Beispiel ist Steffen Seibert, der Regierungssprecher der derzeitigen Bundesregierung, der mittlerweile recht souverän den twitter-Kanal bedient. Bezeichnender ist für mich jedoch zusätzlich, dass er auf der re:publica sein wird, um dort darüber zu reden. Wir gehen aufeinander zu.

Die Politik erlebt den Wandel derzeit noch mit dem Akzeptanz-Verlust der Volksparteien (einschließlich der Grünen), dem erfreulich drohenden Untergang der FDP und einem rasanten Aufstieg der Piraten. Dass es auch da noch wieder Rückschläge geben wird (FDP bleibt, die Piraten müssen Verluste hinnehmen) ändert nichts am weiteren Wandel. Insbesondere die Programm-Losigkeit, die den Piraten oft vorgeworfen wird, ist das besondere Kennzeichen dieses gravierenden Paradigmen-Wechsels: Wir brauchen keine ideologischen Programme mehr, die in der Vergangenheit auf Jahre und Jahrzehnte hin letztlich nur eins im Sinn hatten: Die Macht einiger weniger politischer Paradiesvögel auf Jahre zu sichern. Wir brauchen pragmatische Lösungen für Probleme, die wir in vielen Fällen noch nicht einmal wirklich absehen können. Wir brauchen Sachlichkeit.

Dazu zählt auch,  Urheber-Recht und die Verwertungs-Rechte dringend an dieses technische Zeitalter anzupassen. Bezeichnend genug, dass ausgerechnet die alten traditionellen Medien wie etwa das Handelsblatt im letzten Aufbäumen nur noch wüste Kriegs- und Emotionalisierungs-Rhethorik in dieser Diskusison schaffen, von Sachlichkeit und Ahnung keine Spur. Weil sie auch nicht gewollt ist, denn hier geht es nur um die letzte verbleibende vermeintliche Macht und eine Selbstwahrnehmung, die vielleicht schon pathologisch anzusehen ist.

Es wird schon noch einige Jahre dauern, bis auch die letzten Controller-Mäuschen und Künstlerinnen, die derzeit in diesem Netz nur lauernde Gefahren sehen, erkennen werden, dass dieses Netz normal ist, ein Bestandteil des täglichen Lebens und der normalen Auseinandersetzung.

Schon heute kann keine Kommunikation für Unternehmen, welcher Größe auch immer, ohne das Netz funktionieren. Selbst, wer nicht überall präsent ist, was auch nicht muss, muss dennoch dort sein; und sei es nur, um in diesem immer größeren Wettbewerb die besten Köpfe für sein Unternehmen zu finden.

Viele der jüngeren Kolleginnen werden abwinken, weil sie das alles kennen und ohnehin schon selbstverständlich finden. Und dennoch muss diese Diskussion um das Netz und seine Selbstverständlichkeit noch immer geführt werden, weil nunmehr eine Generation, die zu den geburtenstärksten Jahrgängen zählt, anschickt, die (vermeintliche) Macht zu übernehmen. Oder das, was davon noch übrig ist. Und viele von ihnen hatten vor 20 Jahren noch keinen PC unter der Schreibtischplatte stehen.

cdv!

 

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  • Alex_Mammut 6. April 2012 at 13:09

    Muss natürlich meinen Pflichten nachkommen und abwinken.
    Andererseits musste das mal wieder jemand so deutlich aufschreiben. Guter Text. Ich bin ja immer etwas zu jung, habe ja vieles nicht miterlebt. Drum fühle ich mich bei dieser Diskussion oft nicht ernst genommen.

  • Sascha Stoltenow 9. April 2012 at 14:59

    Die Beschreibung klingt plausibel, aber die Analyse fehlt. Was ist Kultur? Und was soll das sein „Macht der Printmedien“? Ist nicht die „Freude“ über Abdrucke und Anwesenheit von Chefredakteuren in diesem Netz eine Anerkenntnis dieser „Macht“? Und ist ein Regierungssprecher auf der re:publica Ausdruck eines Kulturwandels, oder – im Gegenteil – Reproduktion der dominierenden Kultur nur mit einem leicht veränderten Set von Akteuren? Oder anders gesagt: Der Regierungssprecher ginge vermutlich auch zu jeder anderen Konferenz in Berlin, die ähnlich viel Menschen zusammenbrächte.

    Meine These: Wir erleben keinen Kulturwandel im Sinne einer radikalen Veränderung sozialer Systeme, wir erleben vor allem, dass das Netz unsere Kultur sichtbar macht, Entwicklungen dynamisiert und neuen Akteuren ermöglicht, teilzuhaben. Das ist für einzelne neu, für das System nicht.

    • cdv 9. April 2012 at 18:49

      Sehe ich schon ein wenig anders, das macht es ja spannend. Chefredakteure, die noch die Zeiten kannten, als sie „Meinungsherrscher“ sein konnten, kommen heute ins Gespräch. Ein Regierungssprecher auf einer Internet-Gedöns-Konferenz…. , lässt sich nicht mit anderen Konferenzen vergleichen. Und doch: Die sozialen Systeme ändern sich, weil Politik anders wahrgenommen und mitgestaltet werden kann.

  • Sascha Stoltenow 9. April 2012 at 20:37

    Am Werden der Piraten sehe ich eher, wie eine immanente Logik das Neue überformt. Und die re:publica ist keine Gedöns-Konferenz mehr. Neu ist, wie gesagt, dass andere Akteuer mitwirken können, und ich mich bspw. auf das ein oder andere Podium bloggen konnte im sicherheitspolitischen Kontext. Die Rolle aber, die ich dort spiele, ist definiert.