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Blendle ist (k)eine Lösung

29. September 2015

Die größte Gefahr des Journalismus im Netz ist derzeit die der falschen Freunde. Damit will ich die Leistung der fröhlichen und gerade in Deutschland gestarteten Niederländer, die ich im Titel erwähnte, nicht schmälern, im Gegenteil. Doch mit den wahren Freunden ist es so eine Sache. Nahezu buhlen alle um die Gunst der Medien. Exklusiv in Facebook posten, jetzt auch in Linkedin bloggen, Google lädt zu Face-to-Face-Meetings ein, um AdWords zu bewerben (mehr schaffen sie gerade nicht). Und es lässt mich schon die Stirn runzeln, wenn namhafte Blogger sich auf dem geschmeidigen Medium äußern. Eins steht fest: Da gehört es nicht hin. Auch, wenn es geil aussieht. Es gehört auf die eigene Webseite.

Nahezu alle Medien haben eins, wonach andere händeringend suchen: Content im Überfluss. Ob Stadtblatt, Regionalzeitung, Magazin oder Zeitung für ganz Deutschland; Material ist genug da. Jeden Tag fliegen nahezu 90 Prozent in die Tonne. Der Rest wird gesendet, oder gedruckt.

blendle

Blendle ist ein geiles Angebot für Viel-Leser. Das haben prominente Blogger schon prima beschrieben. Selbst Stefan Niggemeier ist damit ganz zufrieden. Ich nutze es auch gern. Ich zahle gern für gute Angebote. Für uns als Regional-Zeitung taugt es nicht. Es taugt nur dann, wenn wir ebenso wie die Rhein-Zeitung oder auch andere eine harte Paywall haben. Haben wir nicht, weil wir aufgrund der Vergangenheit erst einmal Reichweite aufbauen müssen.

Blendle ist super. Es ist technisch so gut gelöst, dass es eine wahre Wonne ist, dort Geld für gute Geschichten auszugeben. Für Anbieter wie die Zeit, wie die SZ, wie die anderen großen Anbieter, kann es durchaus auch ein sehr interessantes Nebengeschäft sein. Mehr auch nicht.

Facebook ist ein falscher Freund. Noch vor Monaten las ich, dass  das (alles andere als soziale) Netzwerk die Nachrichten nach vorn pushen wolle. Genau das Gegenteil ist aktuell der Fall. News-Anbieter werden nach meinen Erfahrungen der letzten drei Wochen derzeit so brutal im Algorithmus heruntergeregelt, dass das Portemonnaie blutet. Die Geschichten exklusiv in Facebook posten, auch gern schön? Ich habe da meine Zweifel. Und möchte es derzeit lieber lassen.

Google hat derzeit überhaupt keine angemessene Alternative für News-Produzenten, außer der Reichweite, die es mit und für die Suchmaschine bieten kann.

linkedin

Bald wird Linkedin fragen, ob wir nicht unsere Texte dort anbieten wollen. Die ersten Blogger haben es schon ausprobiert. Sieht sehr geschmeidig aus. Und ich bleibe dabei: Da gehört es nicht hin.

Es wird spannend werden für uns Medien, wenn die Traffic-Abholer wie Facebook oder auch WhatsApp nicht mehr funktionieren. Und es birgt (schon jetzt) die große Gefahr, immer abhängiger von ihnen zu werden. Womit dann wieder Google im Spiel wäre. Findest du mich, unser Angebot als regionales Medium, und findest du unsere Geschichten?

Vielleicht ist die Besinnung auf das eigene Angebot die angemessene und bessere Lösung. Nur hier findet der Nutzer die Informationen, die für ihn wichtig sind.  Es gilt, mehr Hirnschmalz auf die Monetarisierung der eigenen Angebote zu verwenden, als sich dem ein oder anderen Fremd-Anbieter hinzugeben. Es braucht die Besinnung auf die eigene Kraft, um dort punkten zu können. Es braucht eine andere Ansprache an Konsumenten, die mit den eigenen Produkten bisher nie einen Kontakt hatten. Es braucht bessere Werbung.

Kurzum: Wir müssen viele Dinge neu justieren. Wir müssen eine Menge mehr ausprobieren. Dennoch, oder gerade: Es gibt Möglichkeiten, dem sehr veränderten Lese- und Konsumverhalten der Nutzer für beide Seiten lohnend entgegen zu kommen. Wir müssen es nur machen.

cdv!

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  • Marcus Schwarze 29. September 2015 at 21:02

    Lieber Christian, Widerspruch! Den Lesern ist es mehr und mehr egal, ob sie unsere Inhalte auf xyz.de, in der App von xyz oder auf einer anderen Plattform wie abc.de/xyz lesen. Erwartet wird der leichtgängigste Zugang. Niemand hier ist in der Lage, ein Facebook als Eingangstor mitsamt Community, Handy-Push aus der persönlichen Freundeswelt und virtuosem Leseerlebnis auf dem Smartphone nachzuprogrammieren. Ähnliches gilt für Blendle, das in der Darstellung unserer Inhalte äußerst gelungen ist. Na klar sind das Frenemys, die an unseren Inhalten mitverdienen. Doch wenn sich immer mehr Leser auf diesen Plattformen tummeln, sollten auch wir dort sein, denn die meisten Nutzer dort bringen noch etwas mehr mit: ihre Freunde und Bekannten. Social Media hat einen Wert, der uns bei den Zeitungen und klassischen Online-Auftritten nicht wirklich fremd ist. Man sollte bloß nicht den Fehler machen, jede kleinste Leistung zu verschenken.

  • Peter Gruson 30. September 2015 at 07:25

    Wir haben uns (leider) schon viel zu abhängig gemacht von Facebook oder Google, die ihre Geschäftsmodelle auf diese Abhängigkeit ausgerichtet haben. Die Gefahren der Zensur und Konformität werden ebenso leicht abgetan, wie die Möglichkeit Einfluss auf die Pressefreiheit zu nehmen, die Vielfalt und der freien Meinungsäußerung. Es gilt die Leser auf die Inhalte aufmerksam zu machen und diese zurück auf die eigene Plattform zu ziehen. Ferner ist die Frage, wer sich auf Facebook und Co. tummelt und ob es sich dabei tatsächlich um die Zielgruppe handelt. Ich wage dies sehr zu bezweifeln – beste Grüße!